
Anarres ist nicht wunderbar. Es ist eine häßliche Welt. Alles öde, alles trocken. Die Städte sind sehr klein und langweilig, richtig trostlos. Keine Paläste. Wir sind arm, wir leiden Mangel. Ihr habt, wir haben nicht. Hier ist alles schön. Nur die Gesichter nicht. Auf Anarres ist gar nichts schön, nichts außer den Gesichtern. Die anderen Gesichter, die Männer und Frauen. Etwas anderes haben wir nicht, wir haben nur uns. Weil unsere Männer und Frauen frei sind; da sie nichts besitzen, sind sie frei. Und ihr, die Besitzenden, ihr seid besessen.
Als die unterdrückten Arbeiter auf dem Planeten Urras aufbegehren, lassen sie sich mit ihren Herrschern auf einen Handel ein: Sie dürften die anarchistische Staatsidee ihrer Vordenkerin Odo ausleben, aber nur, wenn sie die urrastische Gesellschaft damit in Ruhe lassen. Die Folge ist ein Exodus der Idealisten auf den kargen Mond Anarres, der bisher lediglich als Bergbaukolonie genutzt wurde.
200 Jahre später sind alle Verbindungen zwischen Urras und Anarres unterbrochen. Die Anarresti meinen, die perfekte Gesellschaftsform gefunden zu haben und wollen diese durch Isolation vor allen äußeren Einflüssen schützen. Die Forschungen des genialen Physikers Shevek, der an einer großen Theorie arbeitet, die Kommunikation ohne Zeitverlust ermöglichen würde, treffen daher in seiner Heimat auf wenig Begeisterung. An Sheveks Traum, dem freien Austausch von Wissen und Ideen unter allen Völkern des Universums, ist man auf Anarres nicht interessiert. Ressourcen kann man auf dem ärmlichen Planeten dafür nicht verschwenden.
Shevek zieht die Konsequenz und bricht ein Tabu: Nicht nur, daß er Kontakt zu den wesentlich fortschrittlicheren Physikern auf Urras aufnimmt, er besteigt auch eines der Handelsschiffe, die gelegentlich zwischen den Planeten verkehren.
Auf Urras erwartet ihn eine Gesellschaft, die er bisher nur aus den düsteren Beschreibungen seiner Schulzeit über die Propetarier oder „Besitzler“ kannte. In der Propaganda der Anaresti ist der Mutterplanet eine kapitalistische Hölle, in der jeder auf Kosten des anderen lebt und der Eigennutz alles beherrscht. „Egoisiere nicht“, werden Anarresti-Kinder zurecht gewiesen, wenn sie Besitzansprüche stellen.
Anfangs erscheint Shevek der natürliche Überfluß auf Urras – er sieht zum ersten Mal Vögel und Säugetiere – wie das Paradies. Später erkennt er allerdings, warum seine Vorfahren damals auswanderten. In der Konfrontation mit den Ungerechtigkeiten der urrastischen Konsumgesellschaft beginnt er, über die beiden unterschiedlichen Gesellschaftsmodelle zu reflektieren.
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